PEUGEOT Berceau Damenrad

Früher habe ich viele ältere Räder wieder fit und hübsch gemacht. Das ist etwas weniger geworden. Ich muß auch zugeben, daß ich nicht immer Lust dazu empfinde, um alte Teile, wie Weinmann-Bremsen, Normandy-Naben, Philippe-Lenker o.ä. zu zerlegen und polieren, rostige verchromte Gepäckträger in Oxalsäurebad zu entrosten, Eloxalschicht in Rohrreinigerbad zu entfernen, und wieder polieren, den Lack an Roststellen zu entfernen, mit Phosphorsäure zu behandeln, evtl. mit Lackstift auszubessern, genudelte Schrauben auszutauschen usw. Natürlich gehört es auch dazu, die Lager zu prüfen, sauber machen, evtl. Kugel erneuern, einfetten und wieder einstellen. Wenn man stillecht sein will, müßte man auch Teile vorrätig haben, die im Laufe der Jahrzehnte ausgetauscht wurden, wieder in Originalzustand zurückzuversetzen. Man muß dazu vieles wissen, wie bestimmte Räder damals ausgestattet waren. Das ist mit viel Arbeit verbunden, d.h. es kann nicht preisgünstig abgegeben werden. meisten Menschen haben wenig Verständnis für solche Arbeiten, auch nicht für solche restaurierte Räder, vor allem wenn es um alltägliche Räder geht. „Es ist ja teurer als Neurad!“, würde man sagen,, obwohl das alte nur 5 Gänge, oder nur mäßig wirkende Bremsen hat. Im Supermarkt/Netz gibt es für weniger Geld Fahrrad mit 21-Gänge, 27-Gänge, toll aussehende Scheibenbremsen, Nabendynamo mit LED-Leuchten, Federgabel, Federsattelstüze usw. Und in Privatkleinanzeigen gebe es Fahrräder schon ab 30 Euro. Dann kaufen Sie doch die Räder dort, werde ich sagen. Schlecht sind sie vielleicht auch nicht. Natürlich darf jeder selbst Entscheidung treffen.

Problem liegt woanders. Die Wertminderung vom Fahrrad ist selbstverschuldet durch Fahrradindustrie. 1950 hat ein gutes Fahrrad, mit dem man alltäglich und auch auf Tour fahren konnte, etwa Durchschnittsmonatslohn gekostet. Und es gab kein Billig-Fahrrad. Und ein Fahrrad hatte bleibendes Wert.

Anderseits gibt es extrem teure Fahrräder, oft für sportliche Einsätze und für extreme Touren, für jenseits von 10.000,- Euro. Und dazwischen ein Dschungel vom vielfältigen Angebot. man bekommt den Eindruck, man müßte genau richtiges für jeden zu finden sein.. denn die Industrie bemüht sich so sehr, jedes persönliche Beürfnis zu decken. Ist es wirklich so? Findet man wirklich das richtige? Ohne technische Orientierung und Ungewissheit eigener Bedürfnisse geht man ganz leicht verloren.

Heute gibt es Neurad ab 150,- Euro, überall in Bau- u. Supermarkt. Demnach müssen die gebrauchte Räder noch billiger sein. So wird ältere Fahrräder wertlos gemacht. Dazu kommt die Technik-Inflation. 9-Gang-Schaltung? Zu wenig! Heute haben Stadträder schon oft 10-Gänge, beim Rennrad 11, und sogar 12. Ist mehr besser? Braucht man das? Das fragt man oft nicht. Denn, dann müßte man Gedanken machen, was man wirklich braucht. Das ist anstrengend, und zeitraubend. Gib mir meine meinung und dann tue ich es. Schnell denkt man auch, daß es besser ist, wenn man viel und alles hat. Das führt zum Fahrrad-SUV. Oder denkt man modisch, Singlespeed, Retro, bestimmte Markenname wie Peugeot als Wert-vermittelnde Merkmale. Singlespeed macht Sinn, wenn man gemütlich im Flachland radelt, aber nicht überall und nicht für jeden. Retro-Rad wie in 50er Jahre,, sie sehen so aus, aber die alten Räder aus den 50er waren deutlich besser gebaut als heutige Retro-Räder. Und Peugeot, Motobecane, Batavus, Rixe usw. das sind nur noch Namen, die gehandelt werden. Wer heute Inhaber von solchen Markennamen sind und wo die Räder mit den Markenzeichen hergestellt werden, weiss keiner wirklich, und interessiert sich auch kaum jemand.

So macht es Sinn für mich, gute alte Räder, wenn die Grundkondition in Ordnung ist, aufzuarbeiten oder zu restaurieren, auch wenn das vielen Menschen als zu teuer vorkommt. Ich mache das weiter, wenn das gewünscht wird, und wenn ich Zeit dazu finde. Ich würde mich gerne der Technik-Inflation und der Wert-Deflation entgegensetzen.